Interview: 50 Shades of Pink

Mittwoch, 25 April, 2018

Angelika Man im Gespräch mit dem Künstlerischen Leiter Simon Pickel

Das Programm der „Machtspiele“ beleuchtet verschiedene Ausprägungen und Konstellationen von Macht, die in der abendländischen Kunstmusik der letzten 250 Jahre eine große Rolle spielten und spielen. Zugrunde liegt die Annahme, dass sich „konsensfähige normative Aussagen über Macht nicht vornehmen lassen“ (Brockhaus-Enzyklopädie). Macht ist ebenso allgegenwärtig wie unspezifisch und – frei nach Nietzsche – kein Zustand, sondern ein sich ständig ändernder Prozess, abhängig vom Erkenntnisstand der Beteiligten. Simon Pickel, der Künstlerische Leiter des Deutschen Mozartfests, spricht dazu einige Machtworte:

Ziel unserer spielerischen Machterforschung ist, die Situation Mozarts gerade im Spiegel anderer Zeiten besser verstehen zu können. Eine Ahnung zu bekommen von den sozialen, politischen, emotionalen und intellektuellen Machtgefügen, denen er ausgeliefert war. War er das gänzlich? Sicher weniger als die meisten seiner Zeit, oder?

Mozart ist ein Produkt seiner Zeit. Und als ein solches war er auch den Notwendigkeiten und Zwängen dieser Zeit unterworfen. Dass eine höfische Karriere nicht zwingend etwas mit musikalischer Qualität und Kompetenz zu tun hatte, versteht sich von selbst. Wie viele der zahlreichen Hofkomponisten der damaligen Zeit sind heute noch populär? Sicher, ganz ohne Können schaffte man es auch damals nicht an die Spitze und es gab absolut grandiose Musiker in Wien, Potsdam oder Paris, von denen zahlreiche auch zu Unrecht ein Schattendasein fristen bzw. nur Spezialisten bekannt sind, oder wie beispielsweise Mozarts angeblicher Gegenspieler Salieri im berühmten Amadeus-Film verunglimpft wurden. Dabei war Salieri ein sensationeller Komponist, der sich ganz nebenbei sehr für Mozarts Musik eingesetzt hat. Aber es gab schon damals Seilschaften, Geschmacksfragen und natürlich auch finanzielle und politische Aspekte. Ich bin mir sicher, Mozart hätte es auch gerne in eine der prominenten Positionen geschafft, aber für alle galten damals dieselben Spielregeln. Und so verändert haben die sich in Wirtschaft und Politik doch im Vergleich zu heute gar nicht, oder? Mozart hat sich dann mangels Optionen für ein Freelancer-Dasein entschieden und das war zu der Zeit alles andere als leicht, wie wir aus seinen Briefen aus Wien wissen. Aber das Genie Mozart hatte trotz der so strategischen Förderung durch seinen Vater und der zahlreichen Widmungskompositionen, Vorsprechen und sonstigen Marketingmaßnahmen keinen Sonderstatus. Willkommen in Mozarts Lebensrealität. Wäre er nur 50 Jahre später geboren worden…

…was wäre dann gewesen?

Dann wäre Mozart sehr wahrscheinlich den Weg eines selbstbestimmten, bürgerlichen Künstlers gegangen und hätte damit mutmaßlich großen Erfolg gehabt. So, wie das beim späten Beethoven, bei Mendelssohn, Schumann und vor allem Brahms der Fall war. Ob jetzt als freischaffender Komponist, Konzertveranstalter, Dirigent, Musikverleger oder ähnliches. Das bürgerliche Musizieren hat den Musikern und den Komponisten die Freiheit gegeben, sich zunehmend selbst zu verwirklichen und den Zwängen der Mächtigen zu entfliehen. Und der Musik wurde die Freiheit gegeben, einfach Musik zu sein, sprich, absoluter zu werden. Ob jetzt die Zwänge und Gesetze des freien Marktes so viel besser sind, weiß ich nicht. Aber darum geht es mir beim Augsburger Mozartfest: Mozart in den Umständen seiner Zeit darzustellen, dass Mozart genau der Mozart war, weil er in seiner Zeit gelebt hat und nicht von der Zeit losgelöst war. Und ich möchte auch zeigen, wie sich das gewandelt hat, welche Freiheiten und Zwänge Komponisten in anderen Zeiten hatten. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, was für ein Musiker Mozart gewesen wäre, wenn er beispielsweise in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gelebt hätte und durch seine Popularität zum Spielball des NS-Regimes geworden wäre. Wie hätte er sich entschieden? Vielleicht hat man durch eine differenzierte Betrachtungsweise einen anderen Blick auf Mozart und sieht ihn nicht so verklärt. Das Besondere an Mozart ist ja, dass er trotz der Umstände unsterbliche Musik geschaffen hat, die aber gleichzeitig ein Produkt ihrer Zeit ist.

Zu Mozarts Lebzeiten gab es noch keine „absolute“ Musik, sie stand wie alle Künste selbstverständlich im Dienst der Kirche oder des Adels. Hätte Mozart die heutige Freiheit gehabt, „eigenmächtige“ Entscheidungen zu treffen – hätte er die c-Moll Messe vollendet?

Heute hätte Mozart die c-Moll Messe mit ziemlich großer Sicherheit gar nicht geschrieben. Auch wenn die Messe als Liebesgabe für Constanze natürlich einen etwas tieferen Sinn hatte, so war sie doch eine Gebrauchskomposition, genau wie seine anderen Messen oder beispielsweise Bachs Kantaten. Dass Mozart sie nicht vollendet hat, liegt nicht umsonst auch an den kirchenmusikalischen Reformen Josephs II., durch die eine Messkomposition solchen Ausmaßes gar nicht mehr aufführbar war. Dass Komponisten heute Messen schreiben, ist eher selten. Die traditionellen Gattungen sind doch schon länger nicht mehr gültig und eine Messkomposition erscheint heute eher anachronistisch (oder gerade deswegen wieder modern?). Die heutige Freiheit bestünde für Mozart ja gerade darin, nicht mehr in den standardisierten Mustern zu komponieren, sondern völlig neue, individuelle Ausdrucksformen zu schaffen, die sich nicht mehr kategorisieren lassen. Auch hier ist Mozart ein Produkt seiner Zeit und die Notwendigkeiten bzw. Freiheiten für Komponisten, sich musikalisch auszudrücken haben sich durch den nachlassenden Zwang zur Gebrauchsmusik nachhaltig verändert. Auch das zeigen wir in unserem Programm.

Besonders intensive Erlebnisse entstehen immer dann, wenn die Musik so mächtig ist, dass sie uns Zuhörer unwiderstehlich fesselt bzw. in der Gewalt hat. Ist das vielleicht abhängig von der jeweiligen Zeit, in der sie geschrieben wurde?

Warum und wie Musik geschrieben wurde, ist abhängig von der jeweiligen Zeit, aber nicht die Macht der Musik. Ich für mich kann behaupten, dass mich Bach genauso fesselt wie Mahler. Und das hat folgenden Grund: Musik, die reine Gebrauchsmusik ist, hatte es immer schwer, es braucht zusätzlich diese ganz eigene Macht der Musik. Die perfekte Symbiose aus Gebrauchsmusik und absoluter Musik sind für mich Bachs Kantaten, und bei Mozart ist es diese unvergleichliche Kombination aus äußerer Leichtigkeit und innerer Komplexität. Mahler fasziniert durch seine gewaltigen Klangwelten, die gleichzeitig die Natur, Kultur, Religion und seine persönlichen Lebensumstände verarbeiten, genau wie bei Schostakowitsch, dessen Musik so oft zwischen brutaler Auflehnung gegen das Sowjetreich und einem ironischen Umgang damit schwankt. Das ist Musik, die fesselt, die etwas ganz Immanentes hat, aber immer auch aus ihrer Zeit heraus entspringt und einen Zweck verfolgt. Ähnlich ist das ja bei Literatur. Letztendlich entscheidet doch die Macht, die Kunst über uns Menschen hat, darüber, ob ein Kunstwerk „überlebt“ und damit sein Schöpfer. Musik, die keine eigene Macht hat, wird vergessen.

Die altbekannte Augsburger Stirnrunzel-Frage: „Wieso taucht im Programm so wenig Musik von Mozart auf?“

Ein Mozartfest bei dem nur oder in erster Linie Mozart gespielt wird, das können andere machen und da hat es sicher auch seine Berechtigung. Augsburg ist ja keine Wolfgang Mozart Stadt sondern eine Leopold Mozart Stadt, das ist ein ganz eigenes Profil, auf das Augsburg auch stolz sein kann. Leopold hatte auf vielen Ebenen einen großen Einfluss auf seinen Sohn, sei es nun musikalisch, vermarktungstechnisch oder (und das geht auch häufig unter) hinsichtlich der aufgeklärten und humanistischen Bildung und Weltsicht. Leopold steht also in einem einzigartigen Verhältnis zu Wolfgang, Augsburg steht in einem einzigartigen Verhältnis zur Familie Mozart. Dem Prinzip folgend möchte ich ein Mozartfest gestalten, das genauso einzigartig ist. Indem es Mozart immer wieder aufs Neue in spannende Verhältnisse setzt, sei es nun Mozarts Platz in der Entwicklung der Musikgeschichte wie im vergangenen Jahr oder in 2018 die Frage der Lebensumstände und äußeren Schaffenszwänge. Damit möchte ich ein Mozartverständnis anregen, das darüber hinausgeht, Mozarts Musik einfach nur schön zu finden. Obwohl selbstverständlich auch das legitim ist, aber dafür braucht es kein inhaltliches Konzept. Und ein tieferes Verständnis führt dazu, dass man seine Musik noch viel intensiver erleben und genießen kann.

Und zum Abschluss: Laut dem „Wirksamkeitsmotiv“ der Psychologie strebt jeder Mensch nach wirksamer Auseinandersetzung (sprich Beeinflussung) mit der Umwelt, also nach Macht. Gibt es bei Dir ein Streben nach Beeinflussung des etablierten Konzertbetriebs?

Nicht ich beeinflusse den etablierten Konzertbetrieb, sondern die Künstler durch ihre Art zu musizieren, ihr Verständnis von Musik, durch ihre Programmgestaltung und Konzepte. Meine Aufgabe ist es, diese Strömungen zu erkennen, einzuordnen und aus ihnen mein Programm zu gestalten. Deshalb ist es für mich auch so wichtig, Künstler einzuladen, die eine Herangehensweise an Musik vertreten, die meiner eigenen entspricht. Künstler, die eine gewisse Macht haben, indem sie es schaffen, die Grenzen zwischen Bühne und Publikum einzureißen, indem sie die eigene musikalische Aussage wichtiger als klinische Perfektion nehmen, indem sie nicht stur an konventionellen Programmgestaltungen festhalten, ohne sie völlig über Bord zu werfen. Nach Platon ist das Maßhalten eine der vier Haupttugenden, das gilt auch für die Gestaltung von Festivalprogrammen. Wenn meine inhaltlichen Ideen und „meine“ Musiker beim Publikum aber dazu führen, dass man nicht denkt „Ach, das hab ich ja schon tausendmal erlebt“, sondern wenn man etwas Neues entdeckt und man mehr von diesem Neuen möchte, dann habe ich vielleicht auch eine gewisse Macht über mein Publikum, habe es ein bisschen in der Hand. Die weitaus größere Macht liegt aber immer noch bei Ihnen, liebes Publikum. Ein bisschen Fifty Shades of Pink – natürlich künstlerisch wertvoll!

Ein Auszug aus dem Programmbuch des Deutschen Mozartfests 2018