Warum eigentlich ein Festivalthema?

Mittwoch, 26 April, 2017

Ein Gespräch mit dem Künstlerischen Leiter Simon Pickel

Augsburg ist durch sein gewaltiges kulturelles Erbe so vieles – Brechtstadt / Friedensstadt/ Fuggerstadt/ Mozartstadt. Wie ist Deine Herangehensweise als Kulturverantwortlicher, mit den kulturellen Spuren möglichst lustvoll umzugehen?

Als „Festivalmacher“ stehe ich vor derselben Aufgabe, wie viele meiner Kollegen überall auf der Welt: Wir müssen nicht in erster Linie das Erbe sichern, denn das nimmt uns keiner, sondern wir müssen das Publikum für dieses Erbe erhalten und erweitern. In Augsburg mag dies ganz besonders zutreffen und für eine 300.000 Einwohner-Stadt hat Augsburg ein enormes Kulturprogramm zu bieten. Augsburg hat viel, worauf man stolz sein kann – das dürfen die Augsburger ein bisschen mehr ausleben. Man muss nicht nach München oder Salzburg, um große Kultur zu erleben, man hat sie vor der Haustüre. Die großen Künstler kommen nach Augsburg, weil der hiesige Markt und die Stadt sehr attraktiv sind. Nicht zuletzt auch, weil sich ohnehin so viel in München konzentriert. Aber zurück zum Publikum. Augsburg hat ein großes Potential, wenn es um ein junges Kulturpublikum geht. Man muss die Leute nur erreichen. Deshalb ist es wichtig, in Bewegung zu sein: Zugangshürden abzubauen, neue Formate auszuprobieren und auch mal aus dem Kleinen Goldenen Saal herauszugehen. Dabei darf man aber das, was man eigentlich tut, nämlich ein klassisches Musikfestival organisieren, nicht vernachlässigen oder gar aufgeben. Nur moderne Formate, nur ausgefallene Konzertorte sind auch nicht die Lösung, es braucht eine gesunde Mischung. Wenn man es schafft, dem potentiellen Konzertbesucher in seiner „Alltagsumgebung“ zu begegnen und zu zeigen, dass Mozart nicht „beißt“, dann kauft er sich vielleicht auch ein Konzertticket für ein rein klassisches Konzert. Das bieten wir insbesondere bei unserem jährlichen Mozartfeschtle im Februar an, aber eben auch beim Mozartfest selbst.

Warum eigentlich ein Festivalthema? Ist es nicht viel leichter, ein Programm ohne einen inhaltlichen Kern zu machen, zu dem alle Veranstaltungen Bezug nehmen müssen?

Natürlich ist es leichter, sich einfach eine Auswahl an Konzerten zusammenzustellen mit Künstlern, diegerade verfügbar sind und dann das Label Mozart draufzukleben. Aber das ist nicht mein Verständnis von einem Festival und schon gar nicht von einem Festival in einer Stadt, die so eng mit der Familie Mozart verbunden ist. Mozart spielen kann jeder, aber ich möchte mit meinem Festival auch tiefer gehen und Zusammenhänge aufzeigen, die das Verständnis für Mozarts Musik erweitern. Denn die Genialität von Mozarts Musik besteht ja gerade darin, dass sie so vielschichtig ist und so viele Facetten hat. Wenn mein Programm etwas dazu beiträgt, dass man Mozart besser versteht und nicht einfach nur als schöne Musik empfindet, dann ist das sehr viel wert. Und darin sehe ich meine Aufgabe.

Welche Festivalthemen wird es in Zukunft geben?

Ich bevorzuge thematische Vorgaben, die nicht eindimensional sind, die mich in dem, was ich programmatisch zusammenstellen kann, nicht unnötig einschränken. Das darf man aber nicht mit Beliebigkeit verwechseln. Als Musikwissenschaftler sehe ich das ein bisschen als Forschungsreise. Je breiter ich meine Themen fasse, umso vielschichtiger kann ich den jeweiligen Grundgedanken vermitteln. An Ideen für die nächsten Jahre mangelt es nicht, im kommenden Jahr wird beispielsweise im Mittelpunkt stehen, welche Verbindungen zwischen Mozarts Musik, Musik generell und verschiedenen Aspekten weltlicher und geistlicher Macht bestehen. Sehr gerne möchte ich aber auch einmal in den hohen Norden gehen und Mozarts „Pendants“ in der skandinavischen Musik erforschen. Dafür ist dann nach dem großen Leopold
Jubiläum 2019 vielleicht Zeit.

Was hat Dich zu gerade diesem Thema inspiriert, nach Mozarts Spuren zu suchen?

Auf das Thema „Spurensuche“ kam ich zunächst durch den 450. Geburtstag Claudio Monteverdis, den wir in diesem Jahr feiern. Monteverdis Musik schätze ich unheimlich, denn sie hat bis heute eine Zeitlosigkeit bewahrt, die sonst vielleicht nur noch bei Bach zu finden ist. Um den Bogen von Monteverdi zu Mozart zu schlagen,
stand für mich die Überlegung im Raum, woher Mozarts Art zu komponieren eigentlich kommt, wovon er gelernt hat und woraus sich die Gattungen entwickelt haben, die Mozart zur Vollendung geführt hat und da landen wir sehr schnell bei Monteverdis berühmter „seconda pratica“. Mozart hat aber auch selbst viele Spuren gelegt, die bis heute verfolgt werden. Er galt und gilt für viele Komponisten nach ihm als das Non-plus-ultra, als strahlendes und vielleicht unerreichbares Vorbild. Neben den „üblichen Verdächtigen“ wie Mendelssohn und Brahms sind auch neueste Spuren Teil des diesjährigen Programms; Volker Nickel hat für das Mozartfest 2017 ein Auftragswerk geschrieben, das im Rahmen des Festivals uraufgeführt wird.

In „Deinem“ Mozartfest ist sehr viel Alte Musik zu hören – von insgesamt 13 Konzerten sind sechs ganz der Musik vor 1800 gewidmet. Zwei Programme – das Eröffnungskonzert und der Auftritt des Windsbacher Knabenchors bestehen sogar nur aus Renaissance-Kompositionen. Warum hast Du gerade diesen Schwerpunkt
gesetzt?

Zuerst einmal ist Mozart natürlich selbst Teil der sogenannten Alten Musik, seine Musik gehört zum Repertoire der historisch informierten Aufführungspraxis. Dass bei einem Mozartfest ein Großteil der Musik vor 1800 gewidmet ist, liegt also auf der Hand. Wenn wir uns in diesem Jahr auf Spurensuche begeben und die Ursprünge bei Monteverdi suchen, so müssen wir die Musik dieser Zeit intensiv unter die Lupe nehmen, damit wir wissen, was überhaupt der Ausgangspunkt unserer Suche ist.

Beim Konzert der Windsbacher steht natürlich das Reformationsjubiläum im Mittelpunkt. Als sich Nürnberg 1525 als erste Reichsstadt zur Reformation bekannte, standen die Kirchenmusiker vor der Aufgabe, plötzlich eine ganz neue Kirchenmusik produzieren zu müssen. Das ist eigentlich auch eine Art „seconda pratica“ und auch hier kann man sich ganz wunderbar auf Spurensuche begeben, die sich im Übrigen auch bis Mozart fortführen lässt, der ja insbesondere von Johann Sebastian Bach sehr viel gelernt hat. Aber auch die Geschichte Augsburgs selbst spielt hier eine Rolle. Augsburg hat als paritätische Stadt sowohl die Entwicklungen der katholischen als auch der protestantischen Kirchenmusik erlebt. Und mit Hans Leo Haßler ist ein reformatorischer Komponist aus Nürnberg nach Augsburg gekommen und hat sich hier als Organist der (katholischen) Fugger einen Namen gemacht. So strikt wurden die Konfessionsgrenzen in der Musik also anscheinend nicht gezogen.

Die musikalische Zeit nach Mozart kommt natürlich auch ausführlich aufs Podium mit Beethoven, Brahms, Mendelssohn, Debussy, Strauss und etlichen mehr. Dass alle „kunstmusikalischen“ Komponisten auf direkte oder indirekte Weise von Mozart beeinflusst sind, liegt auf der Hand – schon allein, wenn es um die Auseinandersetzung mit den zentralen Gattungen wie Sinfonie, Konzert oder Kammermusik (natürlich auch Oper, wobei die in unserem Festival keine Rolle spielt) geht. Wo siehst Du Anknüpfungspunkte zwischen Mozart und Jazzmusikern wie Michael Wollny und Vincent Peirani oder der Cello-Clubnacht in der Mahagoni Bar?

Ich glaube, Mozart hätten diese beiden Abende sehr gefallen. Auch wenn das gerne verwendete Bild von Mozart als „Partymensch“ zu kurz greift, war natürlich auch diese Flippigkeit und Lebensfreude ein großer Teil seiner Persönlichkeit. Was viele nicht wissen, der Walking Bass, also das schrittweise Fortschreiten der Basslinie im Jazz, stammt nicht etwa von Duke Ellington sondern von Claudio Monteverdi. Womit wir schon wieder beim Festivalthema wären. Davon abgesehen ist der Jazz ja keine Musikform, die sich unabhängig entwickelt hat. Was vielleicht trivial klingt, verdient aber eine genauere Untersuchung und gerade Michael Wollny ist das Paradebeispiel dafür, Einflüsse „älterer“ Musik auf unglaublich kreative Weise in seiner Musik zu verarbeiten und in seiner ganz eigenen Art weiterzuspinnen. Auch unsere „Clubnacht“ ist keine zusammenhanglose Cross-Over-Veranstaltung, die man heute eben so macht, sondern die klassischen Spuren werden durch einen DJ weitergeführt und es entsteht eine völlig neue Musik, die aus dem Moment heraus lebt. Wir schaffen es also, durch den Jazz und die Clubkultur Mozart und Monteverdi mit der Moderne zu verbinden und der Wolfgang hätte mit Sicherheit gerne selbst an den Turntables gestanden oder zum Duo Wollny / Peirani die Drums gerührt.

Und die unausweichliche persönliche Frage: wo findest Du bei Dir Mozarts Spuren? Hattest oder hast Du nachhaltige Mozart-Erlebnisse, die Du gern teilen möchtest?

Ich bin als ehemaliger „Windsbacher“ mit Kirchenmusik aufgewachsen, aber so unglaublich es auch klingt, ich habe in meinen elf Jahren in Windsbach nie Mozart gesungen. Für mich war Bach immer das, was Mozart für viele andere ist. Aber ein bisschen verrückt ist es schon, dass auf meiner ersten CD, die ich mit 13 von meiner Mutter bekommen habe, Mozarts Sinfonien 40 & 41 waren, gespielt vom Chamber Orchestra of Europe. Bei genau diesem Orchester habe ich später im Management gearbeitet und dabei viele Mozart-Interpreten der absoluten Weltklasse kennengelernt. Wenn man die Mozart- Klavierkonzerte mit Mitsuko Uchida oder Pierre-Laurent Aimard hören darf, dann eröffnet das einen Mozart-Kosmos, der nur sehr schwer in Worte zu fassen ist.

Welche Konzerte des diesjährigen Festivals würdest Du besuchen, wenn Du Dich für drei entscheiden müsstest?

Dann entscheide ich mich für „meine“ Windsbacher, Michael Wollny und Steven Isserlis. L’Arpeggiata darf natürlich eigentlich nicht fehlen, aber das Konzert war so früh ausverkauft, da hatte selbst ich keine Chance mehr.

Das Gespräch führte Angelika Man.